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„Hilfe! Die Zeitzeugen sterben aus! Ist die Erinnerungskultur in Gefahr?“

Mit diesem Zitat begann am 20. Februar 2020 der Geschichtsunterricht einer 10. Realschulklasse der Georg-Büchner-Schule in Jügesheim. Mit Hilfe von Augmented-Reality und passendem Begleitmaterial ist es den Entwicklern der kostenlosen App „WDR AR 1933-1945“ gelungen, Zeitzeugen ins Klassenzimmer zu bringen. Mit der neuartigen Technik ist es möglich, in realen Klassenräumen virtuelle Bilder und Hologramme zu platzieren. Diese Mischung aus virtuellen Elementen und aus realer Welt soll Schülerinnen und Schülern den emotionalen Zugang zum Nationalsozialismus erleichtern, so die Entwickler. Die Chancen, mit Augmented Reality im Geschichtsunterricht zu arbeiten, sind für die Geschichtslehrerin Natalia Witkowsky ein zentraler Aspekt bei der Planung und Durchführung gewesen: „Ja, die Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges sind uns bald nur noch in Text-, Film- oder Audioquellen zugänglich. Aus diesem Grunde ist es unabdingbar, auch digitale Ressourcen zu nutzen, um so die Erinnerungskultur aufrecht zu erhalten“.

„Die App unterstützt die Schüler dabei, das Tablet nicht nur als Spielzeug zu sehen, sondern als Wissensinstrument zu gebrauchen“, so Witkowsky. Die 21 Schülerinnen und Schüler wurden für die Durchführung in Kleingruppen eingeteilt und bearbeiteten fragengeleitet eine Arbeitsbroschüre, die sich an den Materialien der App anlehnte.

Am Beispiel der Zeitzeugin Anne Priller-Rauschenberg, die eindrucksvoll über die Zeit im Krieg spricht, ist es den Entwicklern gelungen, Geschehnisse und Eindrücke virtuell darzustellen. Auch für die Schülerinnen und Schüler hat sich die Arbeit mit den Tablets gelohnt. „Die Erzählungen der Zeitzeugin Anna aus Köln haben gezeigt, dass die Menschen, die im Bunker waren, ein traumatisches Erlebnis davongetragen haben. Sie mussten unmittelbar sehen, wie die Menschen verbrannten und tot waren. Das lässt auf ein traumatisches Erlebnis schließen“, so die Schülerin Muskan Ahmed.

Eine Woche später, am 28.02.2020, besuchte die Klasse gemeinsam mit weiteren 10.-Klässlern das Konzentrationslager Buchenwald in Weimar. In der rund dreistündigen Führung durch die Gedenkstätte wurde den Schülern vor Augen geführt, welche Ausmaße das nationalsozialistische Regime annahm.

Die Befreiung in Buchenwald, welche am 11. April 2020 geschah und somit nun 75 Jahre zurückliegt, zeigt deutlich, dass eine reale Begegnung mit Zeitzeugen nicht mehr stattfinden kann. Das bedeutet, dass Geschichtslehrer dazu angehalten sind, sich in Zukunft mit den digitalen Ressourcen zu befassen und die Thematik sowohl didaktisch als auch schülernah aufzuarbeiten. Augmented Reality und die WDR-App können dabei gute Alternativen und Unterstützung sein.